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Alle Arbeitgeber:innen in Deutschland sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Gesundheit Ihrer Mitarbeiter:innen zu schützen und zu fördern. Dennoch nehmen statistisch betrachtet Arbeitsausfälle aufgrund von Muskel-, Skelett- und psychisch bedingten Erkrankungen konstant zu. Wir haben mit dem Lüdenscheider Physiotherapeuten und Ergonomieberater Eduard Birt über Vorkehrungen und Maßnahmen gesprochen, die Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen für mehr Ergonomie treffen können.

Herr Birt, unter „körperlich harter Arbeit“ stellen sich die meisten von uns sicherlich keinen Bürojob vor. Andererseits hört man auch aus dieser Arbeitswelt immer wieder von durch körperliche Belastung hervorgerufenen Gesundheitseinbußen. Wie belastend ist eine reine Schreibtischtätigkeit denn eigentlich?

Nicht umsonst sagt man, dass Sitzen das neue Rauchen ist. Der Mensch ist nicht für das mehrstündige Sitzen geschaffen. Dadurch, dass die Muskulatur fast nur statisch arbeitet und wenig mobilisiert wird, kommt es sehr schnell zu muskulären Verspannungen. Und wenn diese Belastung über mehrere Monate oder Jahre anhält, kann es zu gravierenden Problemen kommen.

Gibt es da Möglichkeiten der Prävention? Welche Büroinfrastruktur können Arbeitgeber:innen zur Verfügung stellen, um Schädigungen – beispielsweise der Nackenmuskulatur oder an der Wirbelsäule – zu verhindern?

Bei einer Tätigkeit, die überwiegend im Sitzen ausgeübt wird, ist es sehr wichtig die Sitzposition so oft wie möglich zu variieren. Im besten Fall mit einem höhenverstellbaren Schreibtisch. Es ist auch erlaubt, sich mal an der Rückenlehne anzulehnen, um den Rücken zu entlasten. Wichtig ist auch, die Unterarme so gut wie möglich auf dem Schreibtisch abzulegen. Somit werden der Schultergürtel und der Nacken vor Verspannungen geschützt. Im Allgemeinen sollten Arbeitgeber:innen versuchen, kleine Bewegungsübungen oder Dehnungen einzubauen. Sie sollten sich im Zweifel an die Physiotherapeuten:innen des Vertrauens wenden – oder auch gerne auf meiner Seite vorbeischauen.

Außerdem gibt es einige nützliche Hilfsmittel, die einfach in das Bürosetting integriert werden können. Kleineren Personen hilft häufig bereits ein Fußhocker oder eine Fußbank, um die optimale Sitzposition einnehmen zu können. Auch das Sitzen auf einem Keilkissen wirkt zwischendurch entlastend. Es sollte jedoch nicht dauerhaft zur Sitzauflage werden. Die Arme können mit einer ergonomischen Maus eine natürlichere Position einnehmen und werden damit nicht so stark beansprucht.

Und worauf sollten die Arbeitnehmer:innen selbst achten? Haben Sie Tipps zur Haltung am Schreibtisch oder vielleicht sogar kleine Übungen für Zwischendurch, die unkompliziert Entlastung schaffen?

Um es noch einmal zu betonen: Abwechslung ist wichtig. Wechseln Sie also zwischen Sitzen und Stehen sowie während des reinen Sitzens die Position. Außerdem lohnt es sich, zwischendurch aufzustehen, um klassische Dehnübungen in den Büroalltag einzubauen. Und was viele beim Thema Ergonomie nicht mitdenken: Gerade im Alter sollten Sie Ihre Augen untersuchen lassen. Denn eine unbehandelte Fehlsichtigkeit kann auch zu Haltungsschäden führen. Hier hilft eine angepasste Arbeitsplatzbrille.

Zu guter Letzt: Wann sollte sich jemand mit Problemen im Rücken- oder Muskulaturbereich an einen Profi wenden?

Wenn „normale“ Schmerzen oder Beschwerden sich nach zwei bis drei Wochen nicht von selbst gelöst haben, sollten Sie sich an einen Arzt wenden. Er wird weitere Schritte einleiten, wie z.B. Physiotherapie. Bei akuten Schmerzen gehen Sie bitte sofort zum Arzt.

Vielen Dank für die Einblicke!

Im Gespräch mit dem Profi wird deutlich, dass Haltungsschäden und Bewegungsmangel weitreichende gesundheitliche Folgen haben können. Darum sollten Sie und Ihre Arbeitnehmer:innen als Ausgleich zu einem Bürojob genug Bewegung in Ihre Freizeit einbauen. Das muss weder Leistungssport, noch mit Vereinsmitgliedschaften verbunden sein. In Südwestfalen gibt es zahlreiche Möglichkeiten der sportlichen Betätigung an der frischen Luft.

Als Arbeitgeber:in können Sie hier auch motivierend eingreifen. Veranstalten Sie beispielsweise eine Wanderung im Rothaargebirge im Rahmen eines Betriebsausfluges. Auf dem Netphener Kulturpfad hingegen werden Körper und Geist gleichermaßen angeregt. Außerdem lohnt es sich, Firmenphysio anzubieten. Dies kann entweder mittels individueller Termine für einzelne Mitarbeiter:innen geschehen. Oder aber, Sie packen das Thema Ergonomie am Arbeitsplatz gleich mit Breitenwirkung an und veranstalten einen Gesundheitstag in Ihrem Unternehmen. Auch dafür können Sie sich Unterstützung von Physiotherapeut:innen, Ernährungsberater:innen oder Krankenkassen ins Boot holen. Ein solcher Tag wird gewöhnlich in den Unternehmen selbst begangen und zeichnet sich durch eine Vielzahl verschiedener Maßnahmen heraus: Expert:innenvorträge zum Thema Gesundheit auf der Arbeit, Ergonomieschulungen direkt am Arbeitsplatz (inkl. Einstellung von Monitoren oder Schreibtischstühlen durch Profis), Ernährungsberatung und verschiedene interaktive Elemente. Wer es regelmäßiger mag, bietet beispielsweise einmal alle zwei Wochen Betriebsgymnastik während der Arbeitszeit an.

Arbeitgeber:innen können ihren Mitarbeiter:innen aber auch proaktiv anbieten, nicht verschriebene Vorsorgebehandlungen in der Physiotherapie zu bezuschussen oder ganz zu übernhemen. In einigen Firmen hat sich zudem das Modell etabliert, Mitarbeiter:innen, die regelmäßig Sport treiben, mit zusätzlichen Urlaubstagen zu belohnen. Erlaubt ist, was gesund macht!

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